liechtenstein erzählen

Wer seine Geschichte nicht erzählen kann, existiert nicht.

Salman Rushdie

was erzählt werden muss

Wirklichkeitserzählungen aus Liechtenstein, Bilder und Fundsachen mit einer erzähltheoretischen Auslegeordnung

 

Wir treten an, um zu hören, was erzählt werden muss, zu hören wie und was Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner als Akteure oder Involvierte erzählen und mit welcher Dringlichkeit sie das tun. Wirklichkeitserzählungen auf der Grundlage von Gesprächen sind das Herzstück unserer Erkundungen. Uns interessieren Erzählungen gegen den Strich. Wir wollen das Spannungsfeld zwischen Bevormundung und Selbstbehauptung, zwischen Emanzipation und Fremdbestimmung, zwischen Öffnung und Abschottung, zwischen Bewahren und Erfinden erforschen. Wir fühlen den erzählerischen Puls, der sich anhand von Widerständen äussert, der sich am Veränderbaren misst, der vom Umsetzbaren und vom Alternativen handelt. Wir wollen Mündigen eine Stimme geben, die sonst wenig bis gar nicht zu Wort kommen, suchen nach Gegenerzählungen, die bestehende Narrative nicht nur ergänzen, sondern eine andere, differenzierte Einsicht ermöglichen. Uns interessiert das Selbstverständnis. Nicht alle in Liechtenstein sind in der Lage ihre Geschichte zu erzählen. Wir wollen erfahren, warum Menschen so handeln, wie sie handeln. Wir wollen die Motivation für ihr Engagement kennenlernen und versprechen uns Aufschluss über das politische Kräftespiel, wie auch Rückschlüsse auf die herrschenden Erzählverhältnisse, das heisst über das, was gesagt werden darf, kann und muss, was verschwiegen wird, welche persönlichen Konsequenzen gezogen werden, welche Stimmen sich durchsetzen, welche verstummen. Wir wollen sehen, inwieweit es sich dabei um Erzählungen gegen Mythen- und Legendenbildungen oder bestimmte Ordnungen handelt. Das Konzept des zu Erzählenden verbindet als begriffliche Klammer gesellschaftspolitisches Engagement, ethische Überzeugung und methodisches Verfahren. Das lateinische Gerundivum verweist auf zukünftiges Handeln: Narrandum ist das noch zu Erzählende, das, was fehlt. Das Konzept des zu Erzählenden verbindet gesellschaftspolitische Agenda und ethische Überzeugung: das Recht auf politische Partizipation. Es geht darum, den herrschenden Narrativen Alternativen entgegenzusetzen, Liechtenstein aus vielen Perspektiven zu erzählen, um die Erzählverhältnisse bewusst zu machen und zu dokumentieren.

Während es den Herausgebern einerseits darum geht, den politischen Diskurs im Fürstentum um neue Stimmen zu bereichern, die bislang kaum Gehör gefunden haben, streben sie andererseits eine wissenschaftliche Analyse des Prozesses der Erinnerungsarbeit und Identitätskonstruktion an: Die ‚Erfindung’ Liechtensteins im Zusammenspiel offizieller und inoffizieller Narrative wird selbst zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.

Theoretisch und methodisch orientiert sich der wissenschaftliche Rahmen an aktuellen Ansätzen der interdisziplinären Erzählforschung, insbesondere der sog. contextual narratology (Sommer) oder cultural and historical narratology (Nünning). Die zentrale methodische Prämisse der wissenschaftlichen Analyse besteht in der Differenzierung zwischen Innen- und Außenperspektive. Ausgehend von dem ethnographischen und sozialwissenschaftlichen Konzept der ‚teilnehmenden Beobachtung’ (Malinowski) und der Vorstellung von ‚Kultur als Text’ (Geertz, Bachmann-Medick) wird der Prozess der Dokumentation, Transkription und Sammlung mündlicher, literarischer und audiovisueller Erzählungen analysierend, kommentierend und interpretierend begleitet. Wir untersuchen, inwiefern die in den fünf Bänden zusammengetragenen einzelnen Narrationen zusammen eine (oder ggf. mehrere) Kollektiverzählung(en) ergeben, und die liechtensteinischen ‚Wirklichkeitserzählungen’ (Klein/Martinez) auf ihren Beitrag zur ‚invention of tradition’ (Hobsbawm/Ranger) befragen: Wie konstituiert sich das Narrativ Liechtenstein zwischen Fürstentum und Demokratiebewegung im 21. Jahrhundert?

Analysiert werden Formen und Funktionen der Erinnerungsarbeit und der Gestaltung des kulturellen Gedächtnisses (Assmann, Erll). Aus kulturwissenschaftlicher Sicht ist dabei insbesondere der Übergang vom kollektiven Gedächtnis der Generation der Augen- und Ohrenzeugen hin zum lediglich auf textuelle und visuelle Repräsentationen gestützten kulturellen Gedächtnis von Bedeutung: Wie konstituiert sich das kulturelle Archiv des Landes, welche Institutionen tragen zur Gedächtnisarbeit bei, was wird erinnert, was vergessen?

Eine der Prämissen kulturwissenschaftlicher Forschung besteht in der Forderung nach Multiperspektivität und Polyphonie. Dem Desiderat der Mehrstimmigkeit wird durch die systematische Einbeziehung von drei Aspekten Rechnung getragen, die im Selbstverständnis des Fürstentums bislang nur eine nachgeordnete Rolle spielen: Internationalisierung, Frauenrechte sowie Jugend- und Popkultur (Band 5). Die diachrone Analyse narrativer Repräsentationen zentraler Ereignisse und Entwicklungen – Migrationsbewegungen und der Umgang mit Flüchtlingen, die Einführung des Frauenwahlrechts und die Debatte um Gleichberechtigung, und schließlich die Entwicklung liechtensteinischer Popkultur seit der Beat-Generation der 1960er Jahre – greifen zentrale Fragestellungen der aktuellen Kultur- und Medienwissenschaft auf. Die Herausgeber erwarten sich zum einen Aufschluss darüber, ob und inwiefern die Situation in Liechtenstein mit den Entwicklungen der deutschsprachigen Nachbarländer vergleichbar ist.  Auch wenn die kulturvergleichende Perspektive nicht im Vordergrund steht, wird das Publikationsprojekt einen neuen, frischen Blick auf den Facettenreichtum Liechtensteins als Staat, und als Staat in Europa,

 

© 2020, Roman Banzer & Hansjörg Quaderer